Unterrichtsmaterial für Sekundarstufe I
Basismaterial Sekundarstufe IDer WWF will den Tiger vor dem Menschen schützen
Früher waren die Unterarten des Tigers vom Pazifik bis nach Kleinasien, das heißt von Ostsibirien über China, Vietnam, Thailand, Indonesien, Burma, Indien, Nepal Pakistan, Persien bis nach Georgien am schwarzen Meer verbreitet. Dieser ganz Asien überspannende, riesige Lebensraum war nie besonders dicht mit Großkatzen bevölkert.
Tiger sind als Einzelgänger auf die Jagd nach Großwild spezialisiert und beanspruchen daher große Reviere. Die Grenzen dieser Reviere markieren sie durch ihren Urin. So vermeiden sie, sich gegenseitig ins Gehege zu kommen. Dafür kamen ihnen in diesem Jahrhundert die sich immer stärker vermehrenden Menschen ins Gehege, mit ihrem Drang, immer mehr Wildnis in Ackerland und Viehweiden umzuwandeln. Im weitaus größten Teil des ehemaligen Verbreitungsgebietes gibt es heute keine Tiger mehr.
Mehrere Unterarten sind in diesem Jahrhundert ausgestorben (s.o.) Zwei Unterarten, der Sibirische Tiger und der Chinesische sind auf kaum noch überlebensfähige Restgrößen von 200 bzw. 50 Tiere zusammengeschmolzen.
Und sogar noch diesen, über Gebiete einer Größe Deutschlands versprengten Tiere, gehen geldgierige Wilderer im Winter, wenn die Spuren im Schnee gut sichtbar sind, an den Kragen.
Für einen einzigen gewilderten Tiger bekommen sie auf dem blühenden Schwarzmarkt der traditionellen chinesischen Medizin um gerechnet bis zu 15 000 Euro (Zahlenangaben differieren je nach Quelle). In jedem Fall machen die Wilderer in den von der ehemaligen Sowjetunion hinterlassenen verarmten Landstrichen mit dem Verkauf eines toten Tigers ein Vermögen.
Tiger meiden oft offene Landschaften. Kultursteppen sind für sie Feindesland. Zu Hause fühlen sie sich dagegen in Wäldern mit dichtem Unterholz oder in hohem Gras bzw. Schilf. Dort verleiht ihnen das Streifenmuster ihres Fells eine perfekte Tarnung. Im Unterschied zu ihren Verwandten, den Löwen, suchen Tiger die Nähe des Wassers. Mehrmals am Tag begeben sie sich in Flüsse,. Seen oder ins Meer, um sich zu erfrischen.
Die Operation Tiger in den Sundarbans
Von daher verwundert es nicht, dass sich die Tiger in den Sundarbans, den unwegsamen Mangroven-Sümpfen im Mündungsgebiet des Ganges und Brahmaputra (Indien) besonders wohlfühlen. Aber auch hier wird ihre Koexistenz mit dem Menschen immer schwieriger. Zwar stehen Menschen normalerweise nicht auf dem Speiseplan des Tigers. Doch wo sie der Begegnung nicht ausweichen können, lernen manche Tiger auch Menschen als Beute zu schätzen. Die sogenannten „man-eater“ scheint es in den Sundarbans häufiger zu geben als anderswo.
Der indische Subkontinent ist heute die letzte Region der Welt, in der es noch einen nennenswerten Tigerbestand gibt. Etwa 4000 Bengal- oder Königstiger leben heute noch in Indien und den angrenzenden Ländern. Doch auch dieser Bestand, ohnehin nur kläglicher Rest einer Population, die zu Beginn unseres Jahrhunderts mindestens zehn Mal größer war, ist heute stark bedroht.
Gehörte früher der ganze Subkontinent zum Reich der Tiger, so finden sie heute nur noch in voneinander isolierten Gebieten Überlebensmöglichkeiten. Einige dieser Gebiete....und nicht zuletzt die Sundarbans wurden zu Nationalparks erklärt. Insgesamt gibt es heute in Indien 21 Schutzgebiete.
Ihre Einrichtung geht auf die „Operation Tiger“, eine 1972 vom WWF (World Wildlife Fund) initiierte weltweite Aktion zur Rettung des Tigers zurück.
Vor allem von reichen Maharadschas organisierte Vergnügungsjagden hatten den Tigerbestand bis dahin so weit dezimiert, dass eine mit 5000 Helfern durchgeführte Tigerzählung gerade noch 1827 Exemplare ergab. Ab 1973 verbot die indische Regierung die Tigerjagd und übernahm das „Project Tiger“ Innerhalb weniger Jahre stieg die Zahl der Tiger wieder auf 6000 an. Der WWF schrieb die „Operation Tiger“ schon ins Buch seiner Erfolge – leider zu früh.
Inzwischen geht die Zahl der Tiger schon wieder deutlich zurück. Bauern, die bei der Errichtung von Schutzgebieten von ihren angestammten Ländereien vertreiben wurden und Angehörige von Tiger-Opfern rächen sich, indem sie Tiger vergiften oder wildern. Dramatischer noch könnte sich die schleichende Versalzung des Flussdeltas auswirken. Ein Staudamm kurz vor der Grenze zu Bangladesh veränderte das Süß-/Salzwasserverhältnis in den Sundarbans zu Lasten der Mangroven, dem Lebensraum des Tigers.
(Quelle: „Lebenslinien“, Seite 86/87; Hrsg. Umweltstiftung WWF Deutschland; Pro Futura Verlag 1996)
Das Tiger-Projekt im Zoo Safaripark
Wenn Inka Schumacher morgens um 7 Uhr ins Tigerhaus in der Safari-Landschaft kommt, begrüßen die Shirin, Brooklyn, Chayenne, Giacomo, Chiara und Neve die junge Tierpflegerin schnaubend. „Guten Morgen“ in Tigersprache. Und Inka antwortet ihnen. „Is ja gut, Dicker, gleich geht’s raus“. Erstaunt reagiert Inka auf die Fragen, warum sie mit den Tieren spricht: „Sie reden ja auch mit mir, sagen und zeigen mir, was sie wollen und wie es ihnen geht.“ Die mächtigen Raubtiere reagieren auf die Stimme der jungen Frau, kommen ans Gitter, lassen sich begrüßen und begutachten. Das Morgenritual im Tigerhaus – mehr als ein Austausch von Höflichkeiten. „Wir kennen jedes Tiere ganz genau, seine Eigenheiten, seine Vorlieben, seinen Charakter, denn Tiger ist nicht gleich Tiger. Und wir schauen uns jedes Tiere einzeln an, um sicher sein zu können, dass es gesund und gut drauf ist“.
Die Tiger in der „Safari II“ – so heißt das 8000 Quadratmeter große Freigehege, in dem die jungen weißen und braunen Bengaltiger seit dem Herbst 2002 gemeinsam leben – können es kaum erwarten, nach draußen zu kommen. Sie sind noch jung, zwischen drei und vier Jahren alt, verspielt und brennen jeden Morgen aufs Neue darauf, ihr Revier in Besitz zu nehmen.
Bäume, hohes Gras, Felsen, Wasserbecken – das Gehege ist dem natürlichen Lebensraum der Bengaltiger auf dem indischen Subkontinent so weit wie möglich angepasst. Freie Landschaft statt enger Gehege. Revierstreitigkeiten gibt’s kaum, denn die Tiger im Zoo Safaripark sind nicht darauf angewiesen, Beute zu machen. Sie werden alle zwei Tage gefüttert, im Haus, jeder in seinem Abteil, damit es keinen Futterneid gibt – sieben Kilo Rindfleisch pro Tier, dazu Vitamine.
Multi-Kulti bei den Tigern: Shirin, das weiße Weibchen, das im Zoo Safaripark geboren wurde, zog als erste in das neue Haus. Giacomo (männl.) und die beiden Tigermädchen Chiara und Neve kamen aus Italien nach Stukenbrock – normalfarbene Bengaltiger. Brooklyn und Cayenne (beide weiß) schließlich kamen aus Schweden nach Westfalen. „Es war ein sehr intensives Stück Arbeit die sechs Tiger aneinander zu gewöhnen. Obwohl sie hier nicht darauf angewiesen sind, zu jagen, stehen sie anfangs den Artgenossen misstrauisch gegenüber, wenn sie nicht gemeinsam aufgewachsen sind. Das ist der natürliche Instinkt“, sagt Inka Schumacher. Inzwischen ist die Rangordnung klar und das Zusammenleben funktioniert. Dass Tiger aus verschiedenen Herkunftsländern in Stukenbrock zusammenleben, hat einen Sinn: das Vermeiden von Inzuchten.
Weiße Tiger, eine Farbvariante der Bengaltiger oder Königstiger, sind immer noch selten. Ihre außergewöhnliche Färbung macht ihnen das Überleben in freier Natur fast unmöglich – es fehlt die Tarnung bei der Jagd. 1951 entdeckte der Maharadscha von Rewa den ersten weißen Tiger im indischen Dschungel. Er ließ das wunderschöne Tier in seinen Privatzoo bringen und kreuzte es mit einem normalfarbenen Weibchen. Das Ergebnis: zwei weiße und zwei rotgelbe Nachkommen. Seit 1987 züchtet der Zoo Safaripark neben den normalfarbenen Bengaltigern auch weiße Tiere. Mit Sahiba und Sawari begann das Zuchtprogramm. Beide genießen inzwischen ihr Altenteil in der indischen Tempelanlage in Stukenbrock.
Mit dem jungen Rudel will der Park das erfolgreiche Zuchtprogramm fortsetzen. „Weiße Tiger haben damals wie heute in der Natur kaum eine Überlebenschance. Es gibt in Menschenhand mehr Tiere – ca. 200 Tiere - als in freier Wildbahn“, sagt Inka Schumacher.
Für die helle Farbvariante – weiße Tiger sind keine Albinos – kein besorgniserregender Zustand, denn die Natur hat immer Varianten hervorgebracht, die sich nicht durchgesetzt haben.
Aber dass es inzwischen normalfarbene Tiger gibt, deren Bestand in Menschenhand größer ist als in freier Wildbahn, gibt Anlass zur Sorge. Es ist fünf vor 12 – nicht nur für die Tigerrassen, deren Population auf wenige Exemplare geschrumpft ist. Selbst die Bengaltiger, deren Zahl in freier Wildbahn mit Abstand die höchste ist, sind massiv bedroht. Eine Frage von wenigen Generationen – und dann wird es Tiger nur noch in Parks geben, wenn nicht etwas passiert.
Der Zoo Safaripark züchtet seit fast 30 Jahren Bengaltiger. Nicht nur die weißen Tiere, auch die normalfarbenen leben hier in großen Freigehegen. Nachwuchs aus Ostwestfalen ist in verantwortungsvolle Tierparks und Zoos in aller Welt gegangen, über jedes einzelne Tier wurde in all den Jahren genau Buch geführt.
„Mit unserem Projekt Bengaltiger und der Haltung der Tiere wollen wir die Menschen sensibilisieren. Wer diese wunderschönen und faszinierenden Großkatzen bei uns erlebt, der wird verstehen, wie wichtig es ist, diese Tiere zu erhalten“; sagt Parkchef Fritz Wurms, für den es unvorstellbar ist, dass es Tiger irgendwann einmal nicht mehr in freier Wildbahn geben wird.
Die Tiger, die heute in Stukenbrock leben, sind nicht zahm oder dressiert. „Ihre natürlichen Instinkte sind wach und spürbar“, sagt Inka Schumacher, „aber unsere Tiere sind an Menschen gewöhnt.“ Gegenseitiger Respekt kennzeichnet den Umgang mit der größten Raubkatze dieser Erde. Kein Mensch würde je im Tigergehege sein Auto verlassen. „Wir respektieren die Tiere, ihr Revier und ihre Natur – so weit wie möglich“, sagt die Tierpflegerin.
Im Zoo Safaripark haben Tiger und Mensch einen Weg gefunden, nebeneinander und miteinander zu leben. In Indien nicht. Die Ausdehnung der wachsenden Bevölkerung macht es den Tigern schwer zu überleben. Konflikte zwischen Mensch und Raubkatze sind vorprogrammiert, ein Kampf ums Überleben auf beiden Seiten, und der Tiger wird bei den „Revierstreitigkeiten“ mit dem Menschen der Verlierer sein, wenn es nicht gelingt, die Probleme der Menschen in Indien mit Hilfe der wohlhabenden Industriestaaten zu lösen.
„Ein schweres Stück Arbeit“, davon ist Parkchef Fritz Wurms überzeugt. Für ihn beginnt die Arbeit in Stukenbrock, wo seine Tiger leben. „Unsere Tiger sind Botschafter für ihre Artgenossen in freier Wildbahn“, sagt der Parkchef.
Habt ihr noch mehr Fragen zu unseren Tigern? Schreibt an den Zoo Safaripark, -Stichwort „ Tiger“ -, Mittweg 16, 33758 Schloß Holte-Stukenbrock oder schickt uns eine e-mail.
(Recherche: Susanna Stubbe uripress; wissenschaftliche Beratung: Dr. med. vet. Meinolf Nieder, Tierarzt)










